Therapietango

Rot ist die Farbe des Abends – vielleicht ein Klischee. Rot mein Kleid – ein grossmütiger Zufall. Wir trinken dunklen Wein, weil heller wohl kaum zu Tango passen möchte. Stirn an Stirn tanzen Menschen, Frauen in ihren hochhakigen Schuhen, in kurzen Röcken oder gleichgültigen Jeans, Männer in allem Alter, grau vergilbt und jung verdrückt oder jung mit künstlerischen Locken im Nacken. Eine Dame hat ihre Augen geschlossen, in erforderter Hingabe lässt sie sich von ihrem Partner im Augenblick Musik durch den Rhythmus führen, andere heben in geübterem Schritt ihr Bein über dasjenige des männlichen Gegenübers, heben es vielleicht hoch an seine Hüften –
Wir sitzen da und trinken und vergessen über einen argentinischen Violinenbogen hinweg das Gespräch. Die fehlende Erotik, die mühsame Konzentration verteidigt von europäischer Versuchsleidenschaft überwirft den Tanzsaal mit einer rührenden Lächerlichkeit, der keiner von uns beiden misslich begegnen will. Zu vertraut sind wir selbst mit jener Sehnsucht, wild aus sich herauszutreten um dennoch zugleich authentisch sich selbst zu sein.
Man nimmt den Abend und baut sich ein ein Zelt Begehren, das, gestützt durch mühselig zusammengekratzten Ausbruch, auf wackeligem Gerüst steht. Wir rauchen auf das gefangene schweizer Gemüt.

28.5.07 17:25

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen