Der Schneesturm

"Marja Gawrilowna verdankte ihre Erziehung französischen Romanen, und infolgedessen war sie verliebt."

(A. Puschkin, Der Schneesturm)

3 Kommentare 22.5.07 20:22, kommentieren

Am Brunnen

Hohn köchelt auf dem Herd.
Eine beinhängende Welt
lässt mich
nicht tanzen. Geh -

Wirf den Stein nicht
in Sehnsucht - kein Grund
wird dir Ton deines Liedes
verlauten
kein Tod.

Angerufen ein Vergeben.

Sanftes Wort:
Ade.

22.5.07 12:17, kommentieren

Das hat sie mir erzählt. Ich dachte immer, sie sei eine vertrocknete Maus, und gewissermassen hat sie dieses Bild nicht gerade umgekrempelt, wohl oder übel aber war ich fasziniert von diesem dorrigen Drahtding. Sowas gibt es, wissen Sie.
„Ein Bier“, sagte ich und steckte mir eine Kippe an. Scheissgewohnheit. Was soll man tun. Im innersten fürchte ich dermassen, dass mir der effektivste Kreativitätsgenerator verloren ginge, würde ich diese Scheissgewohnheit aufgeben, dass ich mir in den schleimigen Hals eine weitere adrette Feuerstange jage – einfach weil ich dumm genug bin zu glauben, es resultiere daraus ein wahrhaftiger Moment. Und, was soll ich es leugnen?, dem ist auch so. Wohlgemerkt: nur wenn ich allein bin. Draussen, wenn es abendlich wird und die Schwere sich mit jedem wolkenschlierigen Hinwegdunkeln zäher im Brustgelände einnistet, vermag sie –
Ah, was schmiere ich wieder! Stets will mich diese Wortbreierei überkommen; ich liebe sie, dagegen komm ich nicht an. Ich liebe sie, ähnlich zwanghaft wohl wie Marlen, diese vertrocknete Maus, ihre Reckstange geliebt hat.
„Eine Gazosa“, nuschelte sie. Eine Gazosa Grapefruit. Ich sage ja gar nichts. Jedenfalls erzählte mir Marlen, während sie ihre Gazosa Grapefruit mit Strohhalm aufsaugte – Gott weiss warum die mir ausgerechnet das erzählt hat, mon Dieu! – dass sie, als sie klein war, immer so lange an der Reckstange gehangen war und Klimmzüge oder irgend so eine Seltsamkeit, dessen genaue Bezeichnung mir schon vor einem ganzen Raucherlebensteil ins Neblige entschwunden ist, gemacht hat, bis sie so ein unbeschreibliches Gefühl zwischen den Beinen verspürt hätte, so ein Zusammenziehen, als veranstalteten verrückte Weichtiere eine Party in ihrem Unterleib – das hat sie wirklich gesagt. Ich äscherte im Kuchenteller ab.

Ah bla.

21.5.07 21:40, kommentieren

Ich glaubte die Zeilen verloren -

das selbe jahr das verweste in hände gegeben in fremde das selbe nun
teilt uns, teilt uns ineinander vermundet einen schritt hinauf einen
zu dir einen gelogen

zweimal gewühlt den himmel gewühlt ihn heischend
zweimal die atmung gezählt die löschung sie augend

das selbe fern das gelesene in gestirne gewoben in fremde das selbe nun

in hände gegeben in fremde in hände ohne haut zweimal
zwei löcher im himmel zweimal gewühlt und schweigend
im auge dem ahnungsatmenden und schweigend im auge vermundet geblüht

in hände die lesen ein letztes mal ein wort das läuft durch die münder wirft
fell unter die lebenden wirft suchen
in münder die lesen in haut ohne hände ein zweimalletztes ein getriebenes
ein wort. zwei löcher im himmel. zwei augen im mund.


(Attilina)

20.5.07 01:01, kommentieren

Nachtruhe

In gewissen Stunden wird man ruhig. Das ist seltsam. Seltsam deswegen, weil oft in genau jenen die Welt mit der ganzen ihr immanenten Unantastbarkeit ins eigene Fleisch hinein gewühlt wird. Die gesprochene Sprache ertrinkt in ihrem eigenen Wollen, erstickt an innerem Händeringen und an Verständnis, das man zuweilen, bei Gott, lieber nicht hätte. Die Welt, in ihrer Unverschämtheit, quillt derart im Gewebe auf, dass man beinahe kotzen muss. Wohin denn, sag es mir einer, wohin mit dem ganzen Eingeweidekram, wenn ein Wolkengetürm Rätsel Oberhand gewinnt im eigenen Leib?
Wie dumm ich bin. Wie sehr ich mich nicht dafür entschuldigen werde.

18.5.07 01:51, kommentieren

Elégie, Gabriel Fauré

Die Zeit verliert ihre Geradlinigkeit. Sale de Tressoir, das ist lange her. Unzerkünstelt verfalle ich einem Wiegen, von Wänden kommt nichts mehr, nicht von der Mauer des Hauses, nicht von inneren Palisaden, die einstmals - wie verloren wir doch manchmal sind! - in aufrührerischer Lebensverworrenheit errichtet wurden. Fauré: ein nie Erkanntes fackelt seine Bahn, ich spiele, um ein Leben, um eine dorrende Erinnerung; um ein Damals: Madlaina. Wären wir geblieben, nach dem Konzert, wären wir nur geblieben in aller Heiligkeit eines verklungenen Abends, hätte ich nicht meinen Bogen entspannt, ihn schicksalsstörrisch in die Ecke des Saales geworfen, hätte ich meine Ärmel hochgekrempelt, milder, hätte ich dich an der Hand gefasst und gesagt: Komm. Noch einmal. Ein letztes Mal. Und ich weiss!, es wäre nicht ein letztes Mal gewesen.
Wie man sich zurück wünscht in ungewogenen Zeiten. Nichts mehr bricht über mich herein als Gewissheit um ein Verschenktes. Wenn nicht die Musik, was dann? Wenn nicht in Musik, wo dann sollte man eben diese finden? Nicht in Sprache, dazu bin ich nicht fähig, sie bröckelt vor sich hin, dissonant und stossend. Ich wiege mich. Einmal noch. Die falschen Töne richten sich im Vergessen des Momentes gerade; nichts! ah - will verfälscht sein. Namen quellen den Raum. Und Augenblicke, die Jetzt waren, vormals. Nur immer im Nachhinein weiss man es, dann drängt sich eine Erinnerung durch das Sieb des Bewusstseins und bewehklagt das vergangene Heute. Nicht in der Stunde selbst wird man dessen gewahr, es ist gleich dem Schlaf, man schlummert und weiss es nicht, kommt nicht an gegen dies unschuldige Verbrechen, ein grösstes Geschenk zu verkennen. Nur ein verklärtes Unding bleibt, das, einstweilen donnernd im Zeitschlag Augenblick, gekrümmt in Schrank der Erinnerung klebt.
Madlaina. Das Leben entgleitet stets; wenn ich die Bäume betrachte, schäumen mir die Säfte auf, wenn ich Gesprächen lausche, gleich woher sie stammen, taumelt mir das Unbestimmte unter meinem Brustgeripp. Seien es Strassen, denen sich mein Blick entlang zieht, seien es die Jaquetteknöpfe eines scharfkonturierten Assistenten - Madlaina, die Welt verwehrt sich mir vollends in jenen Atemzügen. Sie sperrt sich gegen mich, dann, wenn meine Gedanken über sie herfallen, wenngleich nur durch die Hintertür eines belanglosen Einfalls.

Ah - ! Hättest du.
Und nichts wäre anders.

17.5.07 17:29, kommentieren

Woher nur dieser Zwang, in heutiger Sprache zu schreiben. Warum dieses elendige Jetztverwurzeltsein. Müssen. Wo rührt diese ekelhafte Scham her, die gleichsam einem stärksten Händeverknoten jegliches Ungestüm brechen will.

Ich wende mich ab.

17.5.07 14:30, kommentieren